Leistungskurs Deutsch des Beruflichen Gymnasiums der Max-Eyth-Schule Dreieich: Hofmannsthals Lord Chandos schreibt an Büchners Lenz

 Lieber Jakob Reinhold Michael,

ich sehe viele Gemeinsamkeiten zwischen uns und unseren Gedanken.

Realität ist auch für mich die höchste Kunst. – Das wird mir deutlich, als ich von Deinem Kunstgespräch mit Deinem Freund Kaufmann gehört habe. Wir beide empfinden die Wirklichkeit anders als die Normalbürger. Wir leben in der totalen Gegenwart. Ich versuche zu verstehen, was Du sagst, was Du erlebt hast, und ich fühle mich Dir sehr verbunden. Ich kenne ebenso den Wahnsinn, die Unruhe bzw. die Totalität des Erlebens, den Augenblick, in dem Vorstellung und Realität verschwimmen, in dem Inneres und Äußeres ineinander gehen. Dadurch, dass ich Dir alles erzählen kann, erfahre ich auch Dein Innenleben. Jeder braucht einen anderen, dem er sein Gefühl mitteilen kann, sonst dreht man ab und wird wahnsinnig.

Ich glaube, dass Du sehr verzweifelt warst, und ich denke, dass man Dich besser verstehen kann, als es damals Oberlin getan hat. Leute, die im Alltag aufgehen, verstehen nicht unsere Probleme. Aber das kann und darf nicht der Maßstab sein. Wir beide müssen an die Grenzen der Erfahrung gehen. Ich habe versucht, mich mit Seneca und Cicero zu beruhigen, Du hast es damals mit Goethe oder heiligen Schriften versucht. Es ist allerdings so, dass in unserem Erleben nichts mehr Halt gibt, die bisherigen Traditionen können uns nicht zurückhalten. Wir werden von zu viel Gegenwart erdrückt.

Religion gibt uns Halt, meinst Du. Ich sehe das ähnlich, nur im Sinne einer viel direkteren Erlebnisweise. Ich bin der Meinung, dass die traditionellen Religionen in der Erfahrung von mir und Dir nicht weiterhelfen. Wir erleben Religion extrem nah. Religion kann nicht immer helfen, das war Deine Trostlosigkeit, auch mir kommen wohl die Zweifel. Ich versuche allerdings erst gar nicht, mich direkt mit religiösen Traditionen zu befassen. Ich befasse mich nur mit meiner unmittelbaren Erfahrung. Ich werde auch wie Du, lieber Jakob Michael Reinhold, jahrelang nichts schreiben können, da mir die Erfahrung zu sehr nahegeht. …

Meine strenge Erziehung hält mich am Funktionieren, ich habe Familie und muss für sie sorgen. Bei Dir ist es ähnlich gelagert. Du funktionierst zwar mit dem Preis eines inneren Absterbens und des emotionalen Todes. Für Dich ist die Normalität ebenso wie für mich langweilig, ich kann bestimmte Worte nicht aussprechen. Die Normalität drehst du auch um, Du willst auf dem Kopf gehen und das All liegt für Dich in Wunden. Bei mir ist es allerdings so, dass ich durch die Hinwendung zur Gegenwart auch Trost, Heil und Frieden erfahre. Du siehst eher in Deinen Erfahrungen die innere Zerrissenheit.

Ich bin froh, jemanden gefunden zu haben wie Dich, wir sind uns ähnlich und müssen uns weiter austauschen. Es ist immer gut, sich gegenüber einem anderen zu öffnen. Aber ich weiß, dass ich nicht das mitteilen kann, was ich an Totalität und Tiefe erfahre. Ich bin isoliert von meiner Familie, keiner versteht mich. Ich wende mich an Dich, da ich lange suchen musste, bis ich einen fand, der mich versteht, von Dir erwarte ich allerdings, dass Du mein seltsames Glück und mein Leiden verstehst. Brauchen wir Tipps oder Ratschläge? – Unsere Erfahrung ist genug Halt… „Jeder braucht im Leben Halt“, heißt es. Ich meine allerdings, dass die Erfahrung, das konkrete Erleben genug Halt ist. – Die frühere Erziehung lässt mich meinen Unterhalt verdienen, aber ansonsten lebe ich im Hier und Jetzt. Man verschone mich mit ökonomischen Belangen. Ich lebe nur in der Gegenwart.

Kann ich Dich aufheitern? Mit dem Ratschlag, wieder anzufangen zu schreiben, über die extremen Erfahrungen, kann man Dir und mir nicht kommen. Das Schreiben hilft vielleicht, um sich nicht zerfressen zu lassen von seinen Sorgen. Nach unserer Erfahrung werden wir anders schreiben, wenn wir denn schreiben werden. Auf alle Fälle muss es wahrhaftig sein. Momentan hilft uns nichts, wir können nur abwarten. Manchmal ist das Aushalten, das Nichtstun das Revolutionärste, denn was man uns zu tun vorschlägt, würde nur einen traurigen Ist-Zustand verlängern…

Im Zeitalter der Psychoanalyse will man jedem helfen, (Literatur als Therapie), ich will mir meinen Zustand aber jetzt nicht kleinreden lassen. Wir wollen nicht mehr mit den Leuten reden, aber unter Gleichgesinnten kann man sich ja austauschen. Ich denke, dass wir uns verständlich machen könnten. Die Hoffnung, eine Sprache zu finden, in der wir uns austauschen, treibt mich an zu diesem Brief. Die Gleichgültigkeit und Leere in meinem Leben, die Einsamkeit in meinem Leben, alles zerfällt… bei Dir ist es genauso. Wir sind Leidensgenossen, sollten uns aber nicht bemitleiden, sondern weiter in der Dunkelheit fortschreiten. Uns gemeinsam ist die Lebenseinstellung, unser Kunstverständnis.

Ich weiß nicht, wie weit es noch mit mir kommt, ob ich auch irgendwann die Toten auferwecken will. Ich kann dir aber jetzt versichern, dass ich nie mein Gefühl verraten werde. Diese Einstellung, das ist mir bewusst, ist hochproblematisch und unvorteilhaft für das Weiterkommen im Leben. Aber ich will nicht davon ablassen. Unser Schicksal ist das des Einsamen. Ich mache mir bisher noch nicht so viele Gedanken wie Du; wir sind Brüder im Geiste; ob ich noch dahin komme, wo Du bist, ist offen.

Mit vielen herzlichen Grüßen

Dein Philipp (Lord Chandos)

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